Aktuelles — Vortrag Renate Boesler
11. Oktober 2004
ZUM ZEHNJÄHRIGEN BESTEHEN DER INTEGRA
Zehn Jahre integra: Das ist ein langer Zeitraum, auf den wir mit Stolz zurückblicken können.
Stichworte unserer Arbeit in diesen zehn Jahren sind u.a.:
- die etwas beschwerlichen Anfänge,
- das Wachsen der Teilnehmerzahl und der Mitarbeiterzahl
- der Umzug vor fünf Jahren von Vehlen nach Lüdersfeld
- das sich verändernde Teilnehmerprofil, da Problematiken heute vielschichtiger ausgeprägt sind
- die mehrmalige Überarbeitung unseres Konzeptes, da die Anforderungen sich ändern
- die Veränderungen und Verschlechterungen auf dem Arbeitsmarkt, von denen unser Personenkreis besonders betroffen ist
- die zu erwartende weitere Verdrängung der Arbeitsmöglichkeiten von Hilfskräften
- die meist erfreuliche Kooperation im Team und mit Kostenträgern und anderen
- die Vielseitigkeit der an uns gestellten Aufgaben und Probleme
- die auf uns allen zunehmend lastende Unsicherheit, was die Zukunft angeht
Zehn Jahre sind vor allem Anlass auf die Bemühungen und die Leistungen, die Versuche und die Erfolge der Mitarbeiter zurückzuschauen.
Viele Rehabilitanden konnten wir in diesen Jahren in Beschäftigungsverhältnisse auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt vermitteln (derzeitige Vermittlungsquote ca. 50%) und vielen eine Perspektive aufzeigen (u.a. auf dem zweiten Arbeitsmarkt).
Wir haben viel mit unseren Teilnehmern erlebt und sind oft durch Höhen und Tiefen gegangen.
Viel Mühe, Geduld und Zielstrebigkeit seitens der Mitarbeiter gehen einer erfolgreichen Vermittlung voraus. Seitens der Teilnehmer ist in der Regel ein Entwicklungsprozess notwendig:
- Oftmals beginnt mit der Aufnahme eines neuen Teilnehmers ein intensives Training des sozialen Anpassungsvermögens. Oft sind die ersten zwei Wochen mit besonders ausgeprägten Stimmungs- und Verhaltensauffälligkeiten durchsetzt. Dem neuen Teilnehmer gilt dann die besondere Konzentration der Mitarbeiter über viele Stunden und Tage.
- Es schließt sich die Phase an, in der der Teilnehmer durch die an ihn gestellten Leistungsanforderungen zu einer realistischen Selbsteinschätzung gelangen muss. Dies ist oftmals ein schmerzhafter Prozeß, der einfühlsam, aber auch realitätsnah von uns begleitet wird.
- Nun beginnt die Phase der praktischen Erprobung. Die Anforderungen im realen Arbeitsleben sind hoch und stellen die physische und psychische Belastbarkeit der Teilnehmer auf die Probe. Sehr oft scheitert ein erster Praktikumsversuch genau daran.
- Mit großer Energie suchen unsere Mitarbeiter unermüdlich nach weiteren Praktikumsmöglichkeiten. Viele Teilnehmer absolvieren in der Zeit ihrer Teilnahme bei uns zwischen zwei und sechs verschiedenen Praktika.
- Auch die Reflexion und Verarbeitung der Ursachen eines gescheiterten Praktikums erfordert erneut Einfühlungsvermögen und Aufbau von Motivation.
- Nicht selten kristallisieren sich zusätzlich noch Problemstellungen des Teilnehmers im persönlichen Umfeld heraus, so dass ganzheitliche Unterstützungsangebote intensiv und umfangreich sein müssen, wie z.B. Hausbesuche, Einbeziehung der Eltern, Wohnungssuche, Schuldenberatung, Anregung einer Betreuung, fachärztliche Hilfe, Psychotherapie usw.
- Ist dann einmal ein geeigneter Arbeitsplatz gefunden, auf dem der Teilnehmer seine Leistung einbringen kann, auf dem er sich wohl fühlt und auf dem er gebraucht wird, stellt sich die letzte und auch größte Hürde für unsere Mitarbeiter: gemeinsam mit dem Arbeitgeber eine Beschäftigungsmöglichkeit zu entwickeln, die für alle Beteiligten lohnenswert ist. Oft erfordert dieses Ausloten der Möglichkeiten umfangreiche Gespräche und Überlegungen und endet leider immer wieder einmal auch in der Enttäuschung einer Absage, die sich aus wirtschaftlichen Zwängen ergibt.
- Die erfolgreichen Vermittlungen sind die Highlights für die betreffenden Teilnehmer und für unser Mitarbeiterteam. Und wenn wir dann noch miterleben, wie der Rehabilitand an seiner Aufgabe wächst, wie er sich ein selbstständiges Leben aufbaut und endlich das Selbstwertgefühl entwickeln kann, sich seinen Lebensunterhalt selbst verdienen zu können, dann erfahren wir die Bestätigung, dass alle Mühe und alles Engagement sich gelohnt haben.
Zwei Begründungszusammenhänge verdeutlichen, dass die Arbeit der integra – neben der beschriebenen Bedeutung für den einzelnen Teilnehmer – auch als Auftrag für die Gesellschaft wahrgenommen werden muss:
a) Der Zusammenhang zwischen dem subjektiven Gefühl der Überflüssigkeit und dem Auftreten von psychosomatischen Erkrankungen oder dem Abgleiten in die Kriminalität ist bekannt. Hier gilt es vorbeugend tätig zu sein und weitere Folgekosten für die Gesellschaft zu verhindern.
b) Gerade in der heutigen Zeit, in der die soziale Absicherung vieler Menschen als Kostenfaktor auf der Gesellschaft lastet, wird es immer wichtiger, dass jeder Bürger nach seinen Möglichkeiten seinen Lebensunterhalt selbst bestreitet und über eine sozialversicherungspflichtige Tätigkeit seinen Beitrag für die Gesellschaft leistet.
Dieser Personenkreis, der sich mit verminderten Möglichkeiten um soziale und berufliche Integration bemüht, ist besonders gefährdet ins soziale Abseits abzugleiten, wenn ihm nicht – wie z.B. durch Einrichtungen wie die integra - die Unterstützung und die Entwicklungsmöglichkeiten angeboten werden, die er benötigt. Dabei sind die Grenzen unseres Handelns in der integra immer auch dadurch bestimmt, dass wir mit Menschen arbeiten, deren Entwicklung auf das beabsichtigte Ziel nicht beliebig beschleunigt bzw. zeitlich verkürzt werden kann.
Die Erfolge der integra sind nicht zuletzt Ergebnis der unablässigen Bereitschaft ihrer Mitarbeiter, an sich zu arbeiten und sich auch in Zukunft den sich verändernden Herausforderungen und Bedingungen zu stellen.
Renate Boesler



